2021

11.Juli 2021 Lesung  RikschaTango Glassaal der Burg Ziesar, Kultur- und Heimatverein

umrahmt mit Tangoimprovisationen und Tanzshow von Kremena und Oskar

Quelle: Die Rikscha macht Leute, der Tango Liebhaber, Henry-Martin Klemt

Brandenburgische Woche, BRAWO, 01.09.2021, S. 6,

Lesung RikschaTango 02.07.2021 Kloster Lehnin

Kremena & Oskar tanzen: 1. solo tango, carlos di sarli. 2. milongueo del ayer mit craig einhorn  3. Androgyne, Quartango

Mitternachtstanz: Heinrich von der Haar und Oskar: Die Romanfigur und sein Schriftsteller im teuflischen Bund.

14.08.21 Alexandrowka Potsdam

Quelle: PM Spezial 06.08.21

25.08.2021 Potsdam Drewitz RikschaTango im Oskar.   Korey Ireland, Bandoneon / Tanzshow: Kremena & Oskar zu: 1. El Flete 1916. 2. Fumando espero 1922. 3. El dia que me quieras Canción 1935

Quelle: Rezension Karin Riedl - Gerhard Riedl - Tom Opitz Gerhards Tango-Report, 17.06.21

https://milongafuehrer.blogspot.com/2021/06/rikscha-tango.html

Donnerstag, Juni 17, 2021


Rikscha Tango

 

Unter diesem Titel erscheint demnächst ein Tangobuch des Autors Heinrich von der Haar. ... Der promovierte Soziologe und pensionierte

Studiendirektor ist literarisch kein Unbekannter: Neben Fachbüchern hat er mehrere Romane verfasst – der bekannteste ist wohl

„Mein Himmel brennt“, in dem er die Verhältnisse im Münsterland der 1950er-Jahre schildert. Das Werk trägt autobiografische Züge,

da auch von der Haar selber Missbrauchs- und Gewalterfahrungen belasten.

https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_der_Haar

https://heinrichvonderhaar.de/

Als ich das mir zugesandte PDF des Buches überflogen hatte, ahnte ich dunkel, dass die männliche und weibliche Sicht auf das Werk

möglicherweise recht verschieden sein könnte. Daher war ich sehr froh, dass meine Ehefrau und Lektorin bereit war, ebenfalls eine

Besprechung von „Rikscha Tango“ zu verfassen. Wir unternahmen das ohne Kenntnis der jeweils anderen. Lassen wir also zunächst

Karin zu Wort kommen:

Was für’s Herz?


Oskar tut mir leid!

Eine verkrachte Existenz: Geschieden, eine Tochter, die ohne Kontakt zu ihm aufwächst. Seinen Halbbruder Theo, der nach Oskars Meinung ungerechterweise besonders von der Mutter bevorzugt wurde und den Löwenanteil des elterlichen Erbes erhielt, hat er ebenfalls jahrelang nicht gesehen. Kindliche Traumata wegen des Stiefvaters peinigen ihn immer noch.

Seine vernachlässigte Wohnung droht ihm wegen Mietrückstands gekündigt zu werden. Rechtzeitig Hartz IV zu beantragen hat er vergessen, der Alkohol, dem er schon entkommen schien, holt ihn immer wieder ein. 60 Jahre ist er nun, ein leichter Bauchansatz zeigt sich, und die Schwächen und Aussetzer seines Herzens hängen wie ein Damoklesschwert über ihm.

Wie kommt so einer bloß über die Runden?

Nun, mit einer Rikscha kutschiert er in Berlin Touristen herum und verdient sich eine minimale materielle Existenzgrundlage, die ihn vor dem Untergang rettet.

Und – er ist leidenschaftlicher Tangotänzer. Das ist seine seelische Basis. Dabei hilft es, dass seine immer noch blonden Locken und seine tänzerische Versiertheit ihn bei den Damen der Berliner Tangoszene äußerst beliebt machen.

Hier darf er sogar wählerisch sein: ungelenke Anfängerinnen und ältere Damen, die vielleicht sein Tanzen kritisch sehen könnten, meidet er lieber.

Seine Favoritinnen sind Katja, Beate und dann – das Nonplusultra einer Frau überhaupt – Sophie.

Katja, die ihm sogar Geld zu leihen bereit ist, spendet ihm schöne Momente nicht nur auf dem Parkett, sondern auch beim Après-Tango in ihrer Wohnung. Beate ist zurückhaltender, aber ihre Nähe zu Oskar ist spürbar.

Beide werden jedoch zu Randfiguren, als die umwerfende Sophie direkt „aus der fünften Dimension“ aufkreuzt und Oskar eine Zeitlang zu ihrem Prinzgemahl macht.

Und da haben wir sie beieinander: die fürsorgliche Frau, die pragmatische und das Traumgeschöpf, das sich wohl genau deshalb irgendwann verflüchtigen muss.

Parallel zu den Frauengestalten erleben wir den spießigen und den machoartigen Männertyp auf dem Tangoparkett. Die Konkurrenz im Gerangel um die Schönen ist gnadenlos. Alles ganz realistisch!

Dabei liegt Oskar durchaus gut in diesem Rennen! Vielleicht braucht er mir also gar nicht leid zu tun?

Ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer verfolgt er sein Ziel, die schönsten Frauen für sich zu gewinnen.

Sein Bestreben ist es, auf dem Parkett zu „wirken“, und er sieht nur Frauen, die ebenfalls „wirken“. Deren Aufmachung ist ausnahmslos von erotisch bezirzender Raffinesse, reizt Oskar in jeder Hinsicht und erhöht seine „Bedeutung“ in der Tangoszene, wenn er sich mit ihnen schmücken darf!

Erst am Ende des Buches allerdings wird wirklich deutlich, dass der Erzähler, der in den Details dieser Schönheitenparade geradezu schwelgt, dieser doch kritisch gegenübersteht. Nur die Perspektive des geblendeten Oskar rechtfertigt den Überschwang der Schilderungen.

Die Fallhöhe, deren Opfer Oskar wird, ist hoch.

Wie er am Boden ankommt, soll hier aber nicht verraten werden. Der Leser möge das durch die Lektüre dieses amüsant geschriebenen Buches erfahren.

Heinrich von der Haar verwendet saftige, aber auch zarte Bilder. Selbst wenn manche Handlungszusammenhänge offen bleiben, werden die Figuren richtig lebendig.

Der Kenner vieler Tangoszenen, insbesondere derjenigen in Großstädten, weiß, wie realistisch dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten hier dargestellt ist. Und wer beabsichtigt, sich da hinein zu begeben, ist nun ganz gut vorgewarnt.

Für’s Herz aber ist die Geschichte allemal – nicht nur für das des Protagonisten Oskar!

Soweit Karins Rezension.


Was ich zum Buch meine:

Erfreulich ist schon einmal, dass der Tango darin tatsächlich eine große Rolle spielt und nicht nur modisches Beiwerk ist. Und Heinrich von der Haar ist ein Tango-Insider. So beschreibt er ganz viele Tanzszenen, die man so nur kennt, wenn man lange und intensiv auf dem Parkett unterwegs war.

Von Erfahrung zeugen auch die immer wieder eingestreuten Tangotitel mit fragmentarischer Übersetzung, die – natürlich passend zur jeweiligen Gefühlslage seiner Hauptfigur – erklingen. Diese und wichtige Tangobegriffe sind am Schluss des Buches in einem Glossar zusammengestellt.

Vor allem aber beschreibt der Autor die Verhältnisse – zumindest auf angesagten Großstadtmilongas – wirklich sehr treffend. Für mich wirken sie als Horrorszenario aus Geltungssucht, Eitelkeit und Rangordnungsstreben. Vor allem die Zentralfigur Oskar ist ständig mit der Sortierung und Betreuung seiner Damentruppe beschäftigt. Dabei wird gnadenlos ausgemustert: Nur wenn die Alphafrau nicht verfügbar ist, hat die Beta-Tanguera eine größere Chance. Der Rest hat sich zur Vermeidung von Ausfällen schon mal zur Verfügung zu halten.

Das Traurigste daran ist, wie sich die nicht mehr ganz jungen Damen diesem Selektionsprinzip unterwerfen: Nur wer optisch und tänzerisch etwas hermacht sowie auf Annäherungen nicht zimperlich reagiert, hat eine Chance.

Ich fürchte, der Autor sieht diese Verhältnisse nicht allzu kritisch, da er sich in süffigen Beschreibungen der äußeren Reize aalt: Frisuren, geschlitzte Röcke, Strumpfbänder, Ausschnitte und glitzernde High Heels bilden einen Schwerpunkt seiner Erzählung. Wenn Oskar dann noch bei jeder Annäherung an eine Tanguera ein jeweils anderes, betäubendes Parfüm in die Nase steigt, sind wir gefährlich nahe am Groschenroman.

Gut, unser Held gerät dann an sein weibliches Pendant, welches genauso skrupellos agiert wie er – und holt sich vor lauter Balzerei und enttäuschter Begierde einen Herzkasper. Wie schön, dass es dann blöde Weiber gibt, die ihn betreuen und sein privates Chaos ordnen!

Ein wenig ans Klischee grenzt Oskars Familiengeschichte – der Arme hatte selbstverständlich eine unglückliche Kindheit. Und die Figur des schwulen Stiefbruders ermöglicht eine weitere Option, die Geschlechterbeziehungen im Buch nicht zu kurz kommen zu lassen. Zudem hat der die reine und wahre Liebe entdeckt, auf die auch Oskar schließlich zusteuert.

Der Schluss ist natürlich ein reines Märchen. Die sattsam bekannten älteren Kavaliere, die auf den Milongas wirklich hinter jedem Rock her sind, ändern sich nach meinem Eindruck nie – man kann auch einen Fleischerhund nicht auf Tofu konditionieren.

Dennoch möchte ich das Buch empfehlen. Ich habe selten eine derart kenntnisreiche und detaillierte Beschreibung der heutigen Verhältnisse auf vielen Milongas gelesen. Vor allem aber kann der Autor wirklich gut schreiben. Ich hatte Lust, sein Buch in einem Zug auszulesen.

Man sollte aber dem Werk einen Warnhinweis an die Tangueras voranstellen, welche bei Männern nach der Devise „eigentlich ist er ganz anders“ verfahren. Nein: Einen Oskar zu bekommen ist im Tango keine Auszeichnung!


Kommentare

  1. Schöne Ausblicke auf eure Einblicke! ... "Oscars Eskapaden", so hätte ich ihn vielleicht genannt, diesen sensiblen Roman über einen strahlend gewinnenden Verlierer. Es sind ungewöhnliche Einblicke, die uns Heinrich von der Haar da gewährt in die Seele eines beziehungsscheuen alternden Großstadtcowboys auf der Suche nach dem Glück.
    Der stets klamme Oskar mit seiner arme Freiheit spendenden Ich-AG als Rikschafahrer durchstreift die Berliner Straßen und Milongas. Kein Star der Tangoszene, aber doch einer, der sich immer wieder Hoffnung machen kann, wenn er denn nur richtig reintritt und mit aller Kraft in die Rollen schlüpft, die sein inneres Kind schon ewig übt. Es ist schon hinreißend mitfühlbar, wenn man ihm auf der Schulter sitzt und in den Gedankenfetzen badet, die dem real mit Selbstzweifeln strampelnden Mann durch den Kopf fliegen, wenn er versucht, seine besten Fassaden durch die Milongas der Stadt zu tragen.
    In den literarischen TangoWelten dominieren noch immer die Sehnsüchte der Frauen und die Mächte der Machos. Heinrich von der Haar gewährt uns sensibel tiefe Einblicke in die Verletzlichkeiten des modernen MannSeins und zeigt uns anschaulich und unterhaltsam kurzweilig, wie der sich zwischen all den vertrackten Verlockungen fröhlich freier Frauen mit dem Recht auf "female choice" von Hoffnung nährt ...


    • Ich kann mir vorstellen, dass der Autor sich über das Prädikat "Groschenroman" ärgert, weil darin ein Hauch von Herabsetzung schwingt, aber sehen wir es mal so herum: gemeint ist sicher nicht die hohe literarische Qualität, sondern ein gewisses Grundgefühl. Die Welt der Tanogspelunken, gebrochenen Herzen und geschniegelten Verführer passt einfach dazu. Ich lese gern mal Groschenromane, in denen eine starke Leidenschaft ausgelebt wird. Bei mir sind es zugegeben eher Weltraumabenteuer, bei Heinrich von der Haar und seinem Oskar das Klammern eines alternden Narzissten an den tröstenden Zauber der Verführung und die Schönheit des Tango, was auch mich bewegt hat. Wenn Groschenroman einfach Mainstream und gute emotionale Unterhaltung bedeutet, bin ich dabei. So wie Brecht fordert, dass jeder Kinobesucher das Recht habe, an seine billigsten Gefühle appellieren zu lassen. Warum nicht! Denn zuweilen großes Gefühlskino ist "RikschaTango", besonders in den opulenten Tanzszenen, wo der Kenner spricht und aus ihm die Leidenschaft. Zu märchenhaft und von mir aus auch billig ist das Finale, in dem unverdient so ziemlich fast alles gut wird, aber warum auch das nicht, in einem flirrenden, swingenden Großstadtmärchen? LeserInnen, die an das Gute glauben, wird es eher freuen.

Heinrich von der Haar, Rikscha Tango, Oskars fünfte Dimension, Hamburg 2021, 160 S.


Nein, ein strahlender Held ist Oskar nicht, die Hauptfigur in Heinrich von der Haars neuem Roman „Rikscha Tango“.

Eher ein Ritter von der traurigen Gestalt. Mehr schlecht als recht verdient er seinen Lebensunterhalt als fremdenführender

Fahrradkutscher. Sein Herz macht ihm kaum weniger Probleme als der rostige Personen-Radlader, mit dem er durch Berlin zuckelt.

Am Beginn seines siebenten Lebensjahrzehnts haust er im kargen Chaos eines Junggesellen-Appartements.

Zum Glück findet er immer jemanden, den er anpumpen kann. Meist ist der jemand weiblichen Geschlechts.

Nach einer gescheiterten Ehe klappt es zwar nicht so recht mit einer festen Beziehung.

Aber Oskar bewegt sich in einer Szene, die eine große Auswahl an mehr oder weniger flüchtigen Begegnungen der Geschlechter bietet.

Er ist ein leidenschaftlicher Tangotänzer. Und ein guter obendrein.


Aber vor allem ist der Protagonist dieser Geschichte ein Mann. Heinrich von der Haar führt uns nicht nur in ausgewählte Berliner Milongas, deren Sozialgefüge sich kaum von einschlägigen Veranstaltungen in andren deutschen (Groß-)Städten unterscheiden dürfte. Der Autor nimmt uns mit auf eine Reise ins Innenleben des angeblich starken Geschlechts. Haarklein lässt er uns teilhaben an seinen testosterongesteuerten Phantasien. Tango hat nichts mit Sex zu tun? Ach, was!

Oskar hat genug Auswahl in der passenden Altersgruppe auf der anderen Seite der Gendergrenze. Aber er muss sich ausgerechnet in eine Schönheit vergucken, die seine Tochter sein könnte. Das Ende ist absehbar. Denn durch das Einziehen des Bauches und eine Kollektion elaborierter Tanzschritte ist die Differenz der Jahrzehnte nicht zu überbrücken. Doch nach einer Milonga wähnt er sich erst einmal am Ziel. In ihrem Schlafzimmer, genauer gesagt: Auf einem weißen Fell am Boden. So viel Kitsch muss sein. Und später noch ein bisschen mehr.

Schnell hat der möchte-gern-stürmische Liebhaber der Angeschmachteten die Initiative überlasen: „Nun komm!“ Der folgende Geschlechtsakt ist Höhepunkt und Ende ihrer Beziehung zugleich. Anschließend löschte sie das Licht, heißt es sachlich, „gab ihm einen Kuss und drehte ihm den Rücken zu“. Schon den verabredeten Tango-Urlaub auf einer Mittelmeer-Insel macht Madame mit einem anderen Mann.

Aber ein wenig Mitleid hat Heinrich von der Haar dann doch mit seinem Nicht-Helden. Statt des großen schenkt er ihm ein kleines Happyend – mit einer der Damen aus seinem Berliner Tango-Harem. Dafür nimmt er sogar „Jojo“ in Kauf. Ihr Enkelkind. Plötzlich ist es ihr Haar an seinen Lippen, das ihn elektrisiert. Und es freut ihn, dass die Großmutter in seinen Armen schnurrt: „Ich möchte noch an vielen Samstagen mit dir tanzen.“


Heinrich von der Haar ist ein routinierter und ökonomischer Erzähler. Er weiß, seine Pointen zu setzen und nicht zuletzt: Er weiß, wann Schluss sein sollte. Seinen Weg aus einer schweren Kindheit im Münsterland schildert er in drei dicken Bänden. Für die – aus meiner Sicht – tragikomische Geschichte des fiktiven Tango-Tänzers Oskar genügen ihm 150 Seiten. Ich hab’ sie gern gelesen. Nur eine Frage ist geblieben: Wenn wir Männer wirklich solch berechenbar schwanzgesteuerte Trottel sind – warum fallen die Frauen immer wieder auf uns herein?

In der Lesung zur Vorstellung seines Buches in Berlin hat der Autor sich übrigens auf Passagen beschränkt, in denen er Tangoszenen schildert. Wahrscheinlich wollte er niemanden der anwesenden Tänzerinnen und Tänzer aus der einschlägigen Alterskohorte verstören. Falls sich jemand über die – jedenfalls für Milongas – ungewöhnliche Musik zur Einleitung dieses Textes wundern sollte: Heinrich von der Haar zitiert es in seinem Buch gleich mehrfach. Wie ein Leitmotiv. Alle Tangos, die er erwähnt, hat er in einer Liste am Schluss alphabetisch zusammengestellt

PS: Da ich diesen Blog nur noch gelegentlich bestücke, ist mir Gerhard Riedl (zusammen mit seiner Ehefrau) mit seiner Rezension zuvor gekommen. http://milongafuehrer.blogspot.com/2021/06/rikscha-tango.html

 

Heinrich von der Haars Nontango-Bücher:

Mein Himmel brennt, Die Geschichte einer Kindheit im Münsterland, Zürich 2010, 530 S.

Der Idealist, Die Geschichte eine jungen Münsterländers in Berlin, Hamburg 2013, 320 S.

Kapuzenjunge: Die Geschichte einer Vater-Sohn-Beziehung im Berlin der 90er Jahre, Hamburg 2019, 528 S.

Thomas Kröter: Happyend mit Oma, 23.09.2021

Blog:  http://kroestango.de/aktuelles/happyend-mit-oma/

Jens Grandt: Himmel und Hölle des Tangokönigs

In: SchriftZüge, Brandenburgische Blätter für Kunst und Kultur H 14, ISSN 1619-6376 30. Okt. 2021, S. 174-178

Quelle: Elvis47, Rezension lovelybooks, 25.09.21

RikschaTango, Heinrich von der Haar

„In der Garderobe hängte er die Jacke auf und wechselte die Schuhe.“ Gleich auf der ersten Buchseite lässt der Autor das seinen Oskar, den immerhin 60-jährigen Protagonisten mit dem kaum mehr zu verbergenden Bauchansatz klären. Tango tanzen in Sneakers oder wie es bei älteren Zeitgenossen wohl heißen müsste, in Turnschuhen, geht also gar nicht. Und natürlich waren Oskars eingewechselte Tanzschuhe auf Hochglanz gebürstet, ebenso wie er es zumindest versucht hatte, seine „verbeulte“ schwarze Jeans so gut es ging zu glätten. Und frisch gewaschen, so betont Oskar, ist auch sein Hemd … nichts davon ist auf dem Buchcover zu sehen. Hier vermittelt dieser Mann namens Oskar ein eher plumpes, ja ein recht vernachlässigtes Bild. Ganz anders als seine geradezu schwebende Tanzpartnerin.

Strahlender Glanz – Tango – und sklavengleiche Erbärmlichkeit – Rikscha – sind die Extreme, zwischen denen der Autor seine Geschichte changieren lässt. Und Oskar durchläuft, oder besser gesagt, ist beides: göttlicher Tänzer und geistloser Säufer, scharmanter Unterhalter und peinlicher Selbstüberschätzer, emphatischer Freund und fieser Schmarotzer. Lesen Sie selbst, um mit dieser Figur Erhabenheit und Verzweiflung zu durchleben.

Oskars Geschichte, sein Auf und Ab und, es sei hier schon mal verraten, sein gutes Ende am Schluss, sind dann doch nur die Vehikel für mehr. Sind Metaphern für den wahrhaft literarischen Inhalt des Buches. Für die Zwiespältigkeit des Tangos: Ein „Vierfüßler, ein Fabeltier mit zwei Köpfen“, „hart und angriffslustig, bedächtig und träge“, „ineinander verschmolzen bewegten sie sich auf vier Beinen“. Welcher Schatz an Wortbildern fließt da durch die Seiten, um dem Unmöglichen habhaft zu werden, oder um mit jenem unbekannten argentinischen Kenner in einen Wettstreit zu treten, der versuchte das Wesen des Tangos in Worte zu fassen: „Die Einwohner eines Ortes wurden eines Tages mit einer solchen Verliebtheit für ihre Stadt umwebt, dass sie im Mondlicht alchemistischen Zauberspielen verfielen und begannen, Elemente zusammenzumischen, die nirgendwo sonst zusammengingen, ein Erinnern mit einem Vergessen, ein Kompliment mit einem Dolch, einen Stoß mit einem Streicheln, und so war es, dass das Unmögliche erfunden wurde. Der Tango.“

RikschaTango. Ein ebenbürtiger Wettstreit!

Quelle: Tom Opitz, Rezension lovelybooks, 26.09.2021

KURZKRITIK zu Heinrich von der Haars Roman über Oskar, den tangotanzenden Rikscha-Fahrer

"Oscars Eskapaden", so hätte ich ihn vielleicht genannt, diesen sensiblen Roman über einen strahlend gewinnenden Verlierer. Es sind ungewöhnliche Einblicke, die uns Heinrich von der Haar da gewährt in die Seele eines beziehungsscheuen alternden Großstadtcowboys auf der Suche nach dem Glück. Der stets klamme Oskar mit seiner arme Freiheit spendenden Ich-AG als Rikschafahrer durchstreift die Berliner Straßen und Milongas. Kein Star der Tangoszene, aber doch einer, der sich immer wieder Hoffnung machen kann, wenn er denn nur richtig reintritt und mit aller Kraft in die Rollen schlüpft, die sein inneres Kind schon ewig übt. Es ist schon hinreißend mitfühlbar, wenn man ihm auf der Schulter sitzt und in den Gedankenfetzen badet, die dem real mit Selbstzweifeln strampelnden Mann durch den Kopf fliegen, wenn er versucht, seine besten Fassaden durch die Milongas der Stadt zu tragen. In den literarischen TangoWelten dominieren noch immer die Sehnsüchte der Frauen und die Mächte der Machos. Heinrich von der Haar gewährt uns sensibel tiefe Einblicke in die Verletzlichkeiten des modernen MannSeins und zeigt uns anschaulich und unterhaltsam kurzweilig, wie der sich zwischen all den vertrackten Verlockungen fröhlich freier Frauen mit dem Recht auf "female choice" von Hoffnung nährt ...

Quelle: Detlev Gerdes, Rezension lovelybooks, 28.09.21

Der Autor entführt in seinem Roman den unbedarften Leser in die vermeintlich glitzernde und sinnliche Welt des Tangotanzens, dessen vornehmliche Aufgabe darin zu bestehen scheint, die Tangotänzer für wenige Minuten aus der realen Existenz zu entzaubern und zur heilen Welt des Tanzens zu führen: ins Illusionsuniversum. Ein kurzlebiger Moment, flüchtiger als Gas, der einen kurzen Augenblick sehnsuchtsvollen Verlangens Wünsche und utopische Fantasien bedient. Dieses verklärte, romantische Grundthema wird sehr anschaulich mit dem olympischen Siegergedanken verknüpft: nur der beste Tänzer, der seinen Platz bisweilen hart erkämpft hat oder alternativ der reichste, potenteste Akteur bleibt in Erinnerung bzw. hat Erfolg in dieser leistungsorientierten Tangowelt: die aufgeplusterten Gockel, stilistisch ausgeklügelt in ihrem extrovertierten Erscheinungsbild, suchen sich die am schönsten zurechtgemachten Frauen aus: wie an einer Perlenkette aneinandergereiht und voller begehrlicher Erwartung. Insbesondere das ältere Semester ist damit von vornherein abgeschrieben und wird nur noch von tapsigen Anfängern überboten - obwohl in dem Roman auch diesem Momentum Raum zum Schmunzeln gegeben wird. Doch schlussendlich obsiegt in diesem Roman die einfache, greifbare Liebe zu realen Personen, die sich nicht außerhalb des Universums wähnen und bisweilen von ihren ganz konkreten Sorgen und Nöten eingeholt werden.

Als bekennender Tangotänzer mit viel Tanzerfahrung beschreibt der Autor sehr detailliert, welche gemeinsamen Bewegungsabläufe notwendig sind, um zu bestimmten Gefühlsregungen zu gelangen und welche Tanzhaltung dazu notwendig ist, um das Gefühl der kompletten Innigkeit zu erlangen. Das Ganze wird mit entsprechenden Textpassagen aus der Tangomusik treffend untermauert und kann als Aufforderung verstanden werden, sich mit dem vielschichtigen Tangotanzen auseinanderzusetzen.

Quelle: Norbert Ahrens, Rezension lovelybooks, 30.09.21

Heinrich von der Haar, Rikscha Tango, Roman, 160 S., Kulturmaschinen-Verlag

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg kam der Tango nach Europa und trat hier seinen Siegeszug als Gesellschaftstanz des aufstrebenden Bürgertums an. Entstanden war er in den ärmeren Vorstädten von Buenos Aires, hatte es aber nicht geschafft, in die höheren Schichten der argentinischen Gesellschaft vorzudringen. In Paris, Berlin, Wien, London und anderen europäischen Metropolen hingegen traf er auf die Reste der „fin de siècle“-Stimmung und auf Endzeit-Phantasien aller Art, die heute als Vorahnungen der nahenden Katastrophe des großen Krieges gedeutet werden. Seine Blüte erlebte er aber erst in den zwanziger Jahren in Berlin, als die Schrecken des Krieges einer brodelnden Lebens- und Vergnügungssucht gewichen waren.


Wenn nun ein Autor ein Jahrhundert später dem Tango im heutigen Berlin einen Roman widmet, dann ist das im Falle Heinrichs von der Haar eine Hommage an einen Tanz, der längst zum Standard-Repertoire des Tanzsports und der zahlreichen Tango-Clubs von Paris bis Helsinki geworden ist. Der Autor zeichnet die Besonderheit dieses Tanzes in einer Weise auf, dass der Rezensent nur staunend feststellen kann: Der gesamte Text knistert nur so vor Erotik! Da sind

Sätze zu lesen wie „Es kribbelte ihm unter der Haut, schon bevor sie sich an ihn lehnte“, oder „jede ihrer Bewegungen drückte Sinnlichkeit aus“ und „aber schöne Frauen hast du nie allein!“ Es finden sich Satzfetzen, die von einem „animalischen Ineinanderfließen“ sprechen oder von der Feststellung „heute könnte er alle Frauen lieben“.

Das ist natürlich alles aus der männlichen Perspektive des Autors geschrieben, aber auch Leserinnen dürften sich emotional nicht vernachlässigt fühlen.

Mehr als einmal fiel mir bei der Lektüre des RikschaTango die berühmte Gedicht-Zeile Gottfried Benns ein: „Das ist süßer als Orgasmus“.

Kurzum: Es lohnt sich, das Buch zu lesen, besonders für alle, die gerne tanzen, die den Tango lieben und auch für jene, die sich noch nicht an das Tango tanzen herangewagt haben.

Quelle: Christian Paschen, lovelybooks, 09.09.21

Ein Buch, das nicht nur die Tangogemeinde begeistern wird. Oskar Geschichte mit Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Seite - eine wunderbare und manchmal sarkastische Darstellung einer Person, die aus vielen realen Details zusammengesetzt ist. Man meint, die eine oder andere Person zu erkennen, zweifelt wieder und fühlt sich in der nächsten Sekunde bestätigt. Tango hat traurige Texte, die so gar nichts mit der romantischen Sehnsucht der tangueras und tangueros zu tun haben..... diese heile Welt wird in persona Oskar gründlich auf den Kopf gestellt. Was bleibt, ist die Tanda, für deren Dauer in eine andere Welt gewechselt wird.

Buchbesprechung im Schloss Ribbeck Oktober 2021      > Film: https://streaminghavelland.de/buchbesprechung-im-schloss-ribbeck/


Thomas Frick* (Autor und Regisseur) interviewt
Heinrich von der Haar zum neuen Roman RikschaTango**


Thomas Frick: … Du hast deinen vierten Roman veröffentlicht, bist auch Tangotänzer. Dieser Roman handelt vom Tango. Du machst Lesungen mit einem Tanzpaar und einer von beiden heißt wie im Roman Oskar. Warum?

 Was für ein Zufall, könnte man denken. Aber es hat einen realen Hintergrund. Mich hat die Muse geküsst und die Muse heißt Oskar. Ein ganz realer Oskar, der auch leidenschaftlich Tango tanzt und der sich mit Rikschafahren über Wasser hält. Mit diesem Oskar durfte ich mich anfreunden. Dem bin ich dankbar, dass er mir so viele Anregungen gegeben hat. … Insofern hat der Roman einen fremdbiografischen Hintergrund.

Mir hat sehr gefallen, dass es ein Roman über einen alternden Mann ist. Oskar ist sechzig.
Er hat es nicht mehr so leicht wie früher?

Nein, er ist einsam und auf der Suche nach Nähe, Zärtlichkeit, Liebe.

Wie überwindet er seine Einsamkeit?

Im Tango ist das einfach. Man bewegt sich aufeinander zu, nimmt sich in den Arm,
sucht Brustkontakt, sucht Wangenkontakt. Da kann Oskar aus sich herausgehen,
sich freier fühlen. Da kommt er gut an.

Oskar steht zwischen mehreren Frauen und wird von allen begehrt – Tango aus der Sicht eines
Mannes, klingt wie eine Wunschfantasie – Aber was macht ihn so attraktiv?

Er kann wunderbar tanzen und ist charmant. Er sieht jünger aus, hat blaue Augen.

Er muss ja sportlich sein, oder?

Leider hat er einen Bauch, den versucht er einzuziehen, aber wer hat mit sechzig
noch so schöne lange, blonde Locken?

Oskar ist ja ein Angeber. Wie sieht seine Realität aus?

Den schönen Schein, den kann er kaum aufrechterhalten, seine ausgebeulte Hose, die abgelatschten Tanzschuhe, und knapp, wie er finanziell dran ist, kann er sich die teuren Tanzevents, auch die Tangoreisen nicht leisten.

Ein Mann aus der Unterschicht, mit HartzIV. Wie behauptet er sich in der Mittelschicht im Tango-Milieu?

Er versucht, charmant zu sein, dazu gehört das Angeben. Da steht er unter Druck, möchte Sekt ausgeben, Frauen einladen …

Und lebt dabei über seine Verhältnisse. Er erzählt, er habe vier Herzkammern, hat ihm sein Kardiologe gesagt, deswegen kann er auch vier Frauen lieben. Ist das nicht ein bisschen viel?

Immerhin geschieht das Wunder. Frauen finden ihn attraktiv, er wird zurückgeliebt. Der Tango macht Liebhaber, sagt man. Nähe ist verführerisch, kann intim, erotisch sein.

Mir gefallen besonders gut die Tanzszenen – da wird es ganz groß im Roman – wo ja auch die Nähe zustande kommt. Aber was ist dann noch sein Problem?

Einengend darf die Beziehung nicht sein. Er will nicht wieder in einer Ehe festgenagelt werden! Da hat er Panik. Insofern kann er sich nicht auf eine festlegen und hält sich mehrere warm – immer auf der Schau nach der Traumfrau. Er fühlt sich mehr von Wert, wenn auch die Schönste der Schönen ihn begehrt.

Und ignoriert die anderen. Ist das nicht chauvinistisch?

Ein Chauvi er nicht, zumindest kein böser. Er steht unter Druck, Erfolg zu haben. Als Underdog ist das schwer, in der Konkurrenz mit Besserbetuchten standhalten zu müssen.

Warum tut er sich schwer, sich zu binden? Hat er Angst vor Frauen?

Eine tiefgehende Frage. Da muss auch Oskar, wenn der dem nachgeht, in seine Kindheit zurückgehen. Sein Vater ein russischer Kriegsgefangener, starb früh – als Oskar sieben war. Seine Mutter hat sich neu verliebt. Aber der Stiefvater hat ihn ignoriert, ihn auch geprügelt. Und die Mutter hat – nach der Geburt eines Halbbruders – ihn fallen gelassen, ihn sogar enterbt - so sieht Oskar es – eine böse Geschichte, an die Oskar nie ran wollte, sein Trauma. Immer auf der Suche nach Frauen und immer fürchtet er, enttäuscht zu werden. Ein Teufelskreis.

Und die Frauen, die machen das mit? Warum?

Unterschiedlich. Katja möchte ihn bemuttern; sie glaubt, sie kann ihn erziehen. Und das Spiel: sich Annähern und Entweichen, Bedrängen und Nachgeben, das mag sie. … Aber die souveräne Beate lässt Oskar abblitzen. Er nimmt das nicht tragisch, er ist ja hinter der Traumfrau her, Sophie, eine unnahbare Diva. Das Spiel geht weiter.

Nicht nur er spielt mit den Frauen, die Frauen auch mit ihm?

Manchmal spielen Frauen ihm böse mit, wie das Leben überhaupt. Ich denke an den Bruch seiner Achse, die Achse seiner Rikscha. Insofern: Das Leben tanzt mit ihm. Er muss viel lernen. Zum Tanzen braucht es zwei, sagt man im Tango.

Sowohl auf der Tanzfläche als auch mit seiner Rikscha spielt ihm das Leben hart mit. Ist Oskar ein verlorener Held?

Zunächst ja, keine Frau kann ihm wirklich helfen. Aber sein Halbbruder – der bringt ihm selbstlose Liebe entgegen, beweist ihm, man kann wirklich anders leben – was Oskar zunächst ignoriert. Aber er hat die Chance zu lernen.

Nach dem Verlust der Traumfrau säuft er und wir können trotzdem auf ein optimistisches Ende hoffen?

Wie überwindet der Held den Narzissmus? Wie funktioniert die narzisstische Grundstruktur der Gesellschaft, das möchte ich mit dem Roman zeigen. Held, na ja. Oskar will kein Held sein, er ist eher Un-Held oder besser Unhold, will aber kein Verlierer, kein Versager sein. Er ist ein Lebenskünstler und Kunst sollte belohnt werden. Deshalb ein positiver Ausblick.

Ich finde, Oskar hat narzisstische Züge. Trotzdem ist die ganze Geschichte sehr emotional erzählt. Würdest du sagen, das ist eine melancholische Geschichte?

Melancholie, ja. Tango ist getanzte Melancholie. Was passiert? Der Mensch ist immer auf der Suche nach Nähe, doch sie realisiert sich nicht. Was bleibt, ist die Leere. Das ist Ausdruck der Melancholie. Die fortwährende Jagd nach Anerkennung kann nicht erfolgreich sein.

Das passt zum Tango, das Draufgehen, Zurückziehen, eine gewisse Traurigkeit, das gefällt mir. In deinen Musikszenen, der Roman ist ja voll davon, kommt das am besten rüber. Andererseits ist es die Geschichte eines alternden Mannes aus der Unterschicht, der versucht, mit der Mittelschicht mitzuhalten. Das ist sozial genau geschildert. Ist RikschaTango auch ein Gesellschaftsroman?

RikschaTango kann als Gesellschaftsroman gelesen werden. Er ist nicht nur ein Liebes- und Tanzroman. Am Beispiel der Tango-Community wollte ich auch zeigen, wie der Narzissmus funktioniert. Insofern ist die Tango-Community ein Beispiel für die soziale Struktur unserer Gesellschaft. Die Konkurrenz, das Angeben, das Besser-sein-wollen oder –müssen. Im ersten Augenblick könnte man denken, die Tango-Community ist etwas Besonderes, Exotisches – die Kultur aus Argentinien, die andere Musik – und doch zeigt sich hier, wie in der separaten Welt, das Typische unserer Gesellschaft, die Ellbogengesellschaft.

Wie hat denn der richtige Oskar darauf reagiert, dass du ihn so öffentlich machst?

O! Anfangs war Oskar begeistert, hat mich öffentlich vorgestellt: Hier kommt mein Biograf. Das war nicht in meinem Sinne. Als ich ihm die ersten Kapitel zum Lesen gab, war er enttäuscht, fand aber gut, wie ich das Thema bearbeite.

Mit dem Tango kennst du dich als Tangotänzer ja auch gut aus. Wie bist du denn zum Tanzen gekommen?

Das geht weit zurück. Tanzen mochte ich schon früh, mit zehn Jahren. Wenn Feste waren, Verlobung, Hochzeit, Schützenfest, Kirmes, fand ich es super, wenn Vater einen zu viel getrunken hatte oder einfach nur müde war. Dann konnte ich mit Mutter Walzer tanzen, meine Stunde. Besonders in Zeiten, wenn viel zu tun war, morgens vor der Schule melken, Schweine füttern, oder nach der Schule Kartoffeln sammeln, Garben binden, Unkraut hacken – oft verbunden mit Schlägen – da war ich immer froh, wenn ein Festtag war, mit Tanzen, mit Musik. Auch das Singen in der Kirche. Nichts war schöner als aus voller Brust sonntags im Hochamt Großer Gott wir loben dich lauthals zu singen, dass die Mauern mit den vielen dunklen Männerstimmen wackelten. Eine Rettungsinsel in der schwierigen Welt als Kind auf dem Bauernhof. Von daher habe ich als kleines Kind schon begeistert getanzt und später, mit 14, 15, wo die Nähe zu Mädchen gewünscht war. Die Möglichkeit: Tanzen. Schlimm nur, verklemmt, wie man war, aber da konnte man nachhelfen, fünf, sechs, sieben Dortmunder Bier, das half! Vielleicht noch ein paar Schnäpse zwischendurch, dann klappte es leichter.

Du hast deine doch wahrscheinlich schwere Kindheit und dein Durchbeißen in der Jugend in den anderen Romanen verarbeitet, in dem preisgekrönten Roman Mein Himmel brennt, dann der Idealist und Kapuzenjunge – alles schwere, harte Stoffe. Wolltest du einfach mal wechseln, in die Tangokeller, Workshops, Sex und so, mal was Leichtes schreiben?

Ja, etwas, was nicht so sehr mit mir zu tun hat. Der neue Roman hat keinen eigenbiografischen Hintergrund. Ich fand eine Figur faszinierend, die zwar auch aus der Unterschicht kommt, aber einen gänzlich anderen Charakter als die Hauptfigur in den Romanen mit autobiografischem Hintergrund hat, einen Charakter, der das Leben leichter nimmt, der sein Glück sucht, ohne aufsteigen zu wollen, der auch in der Armut authentisch bleiben und sich selbst verwirklichen kann.

Das sich Durchbeißen ist aber schon deine Geschichte?

Ja, aber meine Geschichte hat viel mit dem Aufsteigersyndrom zu tun. Der Junge in Mein Himmel brennt wollte weg aus dem Elend und schafft es schließlich auch. Im zweiten Roman, dem Idealisten, sucht er Erfolge bei der Weltrevolution, wird aber Aufsteiger. Er war mit seiner Herkunft nicht zufrieden – anders als Oskar im RikschaTango, der kann zufrieden in seiner Situation verbleiben und sein Glück suchen.

Aber Oskar kämpft die ganze Zeit, oder?

Ja, er kämpft …

Auch mit sich selbst …

Aber er hadert nicht mit seiner materiell engen Situation. Das ist nicht sein Grundproblem. Er versucht, sich in jeder Situation zufrieden zu fühlen, das Positive wahrzunehmen. Mangelte es ihm nur nicht an der Nähe zu Frauen. Sein Kindheitstrauma. Die Angst, verraten zu werden.

Das stimmt. Was mir den Oskar sehr nahegebracht hat, ist sein grenzenloser Optimismus. Welche Rolle spielen die persönlichen Erfahrungen für dein Schreiben? Setzt du Erlebnisse direkt in Schreiben um? Wieviel erdacht – wie viel real?

Persönliche Erfahrungen sind wichtig. Auch RikschaTango hat einen Erfahrungshintergrund, wenn auch einen fremdbiografischen. Diese Erfahrungen müssen aber weitergedacht und fiktionalisiert werden, aber rein fiktional zu schreiben, ohne Fundament persönlicher Erfahrungen, ist sehr begrenzt. Natürlich, Erfahrungen, die universell bekannt sind, kann man nach den Gesetzen der Dramaturgie bestens gestalten. Aber neue Themen, wie z. B. Missbrauch von Jungen – warum gab es früher keine Prosaliteratur darüber? Warum erstmals in den neunziger Jahren? Oder auch mixed-Race Erfahrungen. Ohne reale Erfahrungsbasis könnte man darüber nicht schreiben, oder nur sehr begrenzt.

Ja, aber bist du jemals Rikscha gefahren?

Ja, mit Oskar, und es war ein großes Vergnügen. Ein Geburtstagsgeschenk. Eine Tour mit ihm kann ich nur empfehlen. Wunderbar mit seiner Musik und seinen Erzählungen einen Nachmittag durch Berlin zu genießen.

Wir sehen, dass Leben ist wichtig, um gute Romane zu schreiben, aber auch die Lektüre. Was liest du am liebsten?

Im Moment: Treffen in Telgte. Faszinierend, wie Günter Grass die Gesellschaft in der Katastrophe am Ende des 30j. Krieges erzählt. Und die Katastrophe nach dem letzten Weltkrieg und das Treffen der Gruppe 47 darin spiegelt. …

Woran schreibst du gerade?

Nach dem leichten Tanz- und Liebesroman habe ich Lust, einen politischen Roman zu schreiben.Es geht um die Zersplitterung, um den Zerfall der modernen Gesellschaft.

Dann freuen wir uns darauf. Vielen Dank für das Gespräch.

 

*http://www.thomasfrick.de/

**Eine Aufzeichnung im Schloss Ribbeck Oktober 2021

Redaktion, Kamera, Schnitt: Michael Huppertz.

Produktion ©streaminghavelland.de

Auszug, leicht umformuliert.


Lesung RikschaTango  05.11.2021 Veranstalter: Bibliothek Schönwalde-Glien. Im Gasthof Schwanenkrug Tanzshow: Kremena & Oskar

Lesung: RikschaTango 20.11.2021 Salon Kunststücke Grunewald

v. li. nach re.: Konrad Kutt - Heinrich von der Haar - Korey Ireland

Korey Ireland,Bandoneon, improvisiert zu:


1. La Ultima Curda, Anibal Troilo/R. Goyeneche

2. El Flete, Juan d'Arienzo

3. Fumando Espero, Ignacio Corsini

4. Quejas de Bandoneón, Aníbal Troilo

5. Ella Es Así, Edgardo Donato

6. Bahia Blanca, Carlos Di Sarli

Lesung RikschaTango 25.11.2021. Moderation Sven J. Olsson,Kulturmaschinen. digital Zoom https://www.twitch.tv/kunstbande

Werkstattgespräch. Sven J. Olsson, Moderation / Heinrich von der Haar / Mara Laue