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Deutsch-polnische Anthologie (2. Auflage):

Kindheit in Polen - Kindheit in Deutschland

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DER IDEALIST

 

Leseprobe Die Stunde null

 

Das helle Geschrei der Wildgänse zieht südwärts in der Septembersonne vorüber. Ich trete von einem Bein aufs andere. Die Arme hängen schlaff. Der rechte Daumen auch. Willst du Anhalter wirklich fort, wie die Zugvögel hoch oben? Sieben Uhr. Die Glocken der Heilig-Geist-Kirche lärmen zum Abschied. Die Stunde null. Nach der Flucht aus Steinhop hast du dir mit der Zauberformel Ich-will-Pfarrer-werden die Oberschulpforte geöffnet. Und auf diesen Tag hingelebt. Sind die drei Jahre bischöfliches Kolleg tatsächlich vorbei? Jeden Morgen zum Frühstück Vokabeln gepaukt, mittags Gleichungen gelöst und zur Abendsuppe konjugiert: libero, liberavi, liberatum. Selbst Klassenlehrer Hoppe hat gezittert, ob es zur Reife reicht. Und dir gratuliert. Es hat gereicht!

 

Nun hat dich das Kolleg wieder ausgespuckt, und dein Herz klopft schneller. Berlin steht in fettem Schwarz auf der roten Pappe. Dein Arm sollte sie heben, die Morgensonne blendet schon. Worauf wartest du, Entlassener, mit dem Reifezeugnis von gestern, fünfzehnter September einundsiebzig, im Rucksack und der Erika-Schreibmaschine im Koffer?

 

Bist doch schon in aller Früh aus dem immer gleichen Albtraum aufgeschreckt ‑ du bist noch Bauer, fütterst Schweine, und der Hof brennt – mit Vaters Warnung im Ohr vor Berlin als Sodom und Gomorrha, wo einer aus dem Münsterland nicht mehr weiß, wohin er gehört, und keine Heimat findet. Wo man verloren ist, wie die Geschwister, die weggegeben wurden, wie man Ferkel an den Hinterpfoten greift und in einen fremden Stall wirft.

 

Schon um sechs hast du dir Wurstbrote geschmiert und den Internatsschlüssel im Briefkasten versenkt. Und nach Post von Isolde geschaut – nein, nichts. Es schüttelte dich, du musstest schlucken, als du letztmalig durchs nun weit offene Tor gingst, ohne zu wissen, wo du die nächsten Nächte bleibst.

 

Nebelbänke schweben über die Wiese neben der Autobahn. Fahrzeuge gleiten die Auffahrt Münster-Süd hoch und reihen sich ein ins Rauschen. Nun streck den Daumen raus, du musst weg! Aber das rechte Ohrläppchen juckt ‑ dick entzündet, vereitert, verschorft. Die Finger befühlen es. Du wirst es erneut aufpulen, wie jede Woche, seit Jahren, seit der Sache mit dem verfluchten Tonius. Es kann nicht verheilen. Wie auch? Damit du deinen tausendfachen Steinhoper Schwur – das Unrecht zu bekämpfen – nicht vergisst.

Eine Feuerwehr mit Blaulicht und Martinshorn nähert sich. Wieder hast du Brandgeruch in der Nase und den Hof vor Augen – den Himmel hoch in Flammen.

Ich trete an die Fahrbahn, strecke den rechten Daumen raus. Die linke Faust hebt die Pappe, steil in die Luft, hoch zu den gna-gna-gna-de-trompetenden Graugänsen – sie rufen nach Gnade für dich. Kein Zweifel. Hier will einer weg.Bremslichter leuchten auf. Du stehst wie angewurzelt, als klebten deine Sohlen im Teer fest. Los, lauf, sei so frei, zieh die Füße hoch, reiß die Wurzel aus und nimm sie mit. Der Schmerz pocht, pocht, nein, nicht im Kopf, im Herzen. ...

 

 

 

Leseprobe Alles verpennt

… Betteln und Hausieren verboten und Vorsicht frisch gebohnert steht auf abgeplatzten Emailschildern an der Tür. Das Schloss herausgebrochen, die Briefkästen verbeult. Ausgelatschte Stufen steigen wir hoch; es riecht nach Knoblauch und Pisse. Von der Decke blättert Putz ab. Er zeigt mir das Außenklo auf halber Treppe und wir betreten die Wohnung im zweiten Stock. »Vom Flur jeh’n fünf Zimmer ab. Rechts: Wiltrud Wagner.« Er klopft an.

 

Wiltrud, schlank und groß, trägt eine Halskette mit silbernem A im Kreis als Anhänger – Alexanders Ehemalige. »Hallo!« Ihre blauen Augen glitzern.

 

»Tach!« Ich stelle Rucksack und Erika vorsichtig ab – sie muss heil bleiben – und strecke Wiltrud die Hand hin, doch sie umarmt mich, gibt mir Küsschen rechts, links. Ich erstarre, schlage die Augen nieder; süßlich, erdig riecht ihr langer Hals. Ich schnuppere laut.

 

»Indisches Patschuli!« Sie streicht mir über den Bart. Sie kommt aus Heidelberg und studiert Germanistik. Sie zieht mich in ihr spartanisches Zimmer: Bett, Sessel, Regal, Tischchen. In der Schreibecke liegt nur ein knallgelbes Buch: Sexfront von Amendt. Mich fröstelt...

 

Heinrich von der Haar Schriftsteller