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Deutsch-polnische Anthologie (2. Auflage):

Kindheit in Polen - Kindheit in Deutschland

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4. Literaturwinter Hapimag Albufeira

 

Literaturtalk* am 10. März 2014**

 

Georg Franzky Cabral*** im Gespräch

mit dem Berliner Schriftsteller

Dr. Heinrich von der Haar**

 

 

Georg Franzky Cabral: Herr von der Haar, Sie werden in den nächsten Tagen hier im Haus aus Ihren Romanen MEIN HIMMEL BRENNT und DER IDEALIST lesen. Erzählen Sie unseren Gästen bitte vorweg, aus welchen Gründen Sie sich so intensiv mit Sprache beschäftigen.

 

Heinrich von der Haar: Sprache war für mich schon als Kind überlebenswichtig, kam ich doch kaum zu Wort - gegenüber einem Vater, der mit seinem Schweig still! – verstärkt durch Ohrfeigen – für Ruhe sorgte, und gegenüber vielen älteren Geschwistern, die ja auch immer das Sagen haben wollten. Wer sprachlos ist, wird unterdrückt – wie Mutter, die nichts zu sagen hatte und sich klaglos fügte. Das Wort gegen den Vater zu erheben, wirkte wie die Hand gegen ihn zu erheben. Hinzu kam für mich das Hänseln in der Schule wegen der plattdeutschen Muttersprache, so dass es nur zum Stottern reichte. Sie werden verstehen, dass das motivierte, als Messdiener Latein zu lernen. Das Credo vor allen Gläubigen vorzutragen – das stärkt. Und stolz machte mich auch das Erlernen der kaufmännischen Floskeln in der Handelsschule und der Banklehre. Da verliert man doch den Gestank eines dummen Bauernjungen – oder nicht? Noch mehr befreite mich scheinbar das Erlernen der wissenschaftlichen Sprache. Das versprach Aufstieg, Geltung, Reichtum. Aber erst die literarische Sprache ermöglichte eine wirklich freie Entfaltung…

 

Literatur interessiert uns. Aus welchen Gründen ist literarisches Schreiben für Sie so wesentlich?

 

Im Roman kann ich allen Figuren – auch den ungeliebten, vernachlässigten, gedemütigten – eine Stimme geben. Ich kann die Entwicklung frei gestalten und begreifbar – nacherlebbar – machen.

 

Hat sich im Laufe Ihres Schreibens daran etwas verändert?

 

In Mein Himmel brennt steht eine verlorene Kindheit – geprägt von Armut, Arbeit, Gewalt und Beten – im Vordergrund. In Der Idealist geht es darum, wie der Halt suchende Provinzflüchtling in der Großstadt den Aufbruch mit all seinen Illusionen gestaltet. Wie der als Schwarzes Schaf Verfluchte auch inneren Frieden findet. Aufbegehren, ohne haltlos zu werden. Sich anpassen, ohne in neue Dogmen zu flüchten und seine Ideale zu verraten…

 

… sehr persönliche Themen des Lebens ...

 

Ja, viele kennen das. Wie kann man sich von einem autoritären Vater, aus einer engen, fanatischen Religion, einer geschlossenen Gesellschaft befreien? Und neuen Halt, eine neue Heimat und sich selbst finden.

 

Wie stark kann man trennen zwischen Autobiografischem und reiner Fiktion? Geht das überhaupt, weil ja das Schreiben immer ein persönlicher Ausdruck ist?

 

Die Romanform erlaubt mir, die Handlung frei zu gestalten und das Erleben vieler einfließen zu lassen. Es geht also nicht um mich, um meine wirkliche persönliche Entwicklung, oder die meiner Familie, meines münsterländischen Dorfes, sondern darum, die erlebten Gefühle wahrhaftig darzustellen. In manche Figuren sind Portraits lebender Personen eingegangen und manche Figuren sind aus mehreren Personen zusammengestellt. In das, was ich schreibe, fließt alles ein, was ich seit frühester Kindheit aufgenommen habe. Die aufklärerischen, demokratischen Momente der Nachkriegszeit sind nur eine dünne Schicht, eine obere Schicht über die dunkle Sprache des Autoritären, des Rohrstocks, der überkommenen bäuerlichen Bräuche, des fanatischen Katholizismus, des Aberglaubens…

 

Schreiben als eine Art Aufarbeitung seiner Geschichte, eine Art therapeutische Bearbeitung?

 

Aufarbeitung der Geschichte – ja. Nur wer seine Vergangenheit nicht vergisst, kann seinen Horizont erweitern. Aber therapeutisch - nein. Ein Roman-Schriftsteller sollte nicht mehr in seiner Geschichte befangen sondern innerlich frei und mit allen Figuren versöhnt sein, damit die Opferseite Einzelner nicht einseitig im Vordergrund steht, auch wenn solch eine „Betroffenen-Literatur“ ihren Stellenwert hat.

 

Oder verstehen Sie Schreiben als eine Art „Aufklärung“, als Form des Politikmachens?

 

Ebenfalls nein. Aber ich will das Schicksal eines Jungen oder die Wirrnisse eines Revoluzzers begreifbar und nacherlebbar machen und so dem Unterdrückten eine Stimme geben. Und freue mich, wenn bei der Lektüre im Leser etwas anklingt, er sich wiedererkennt und es vielleicht auch vergnüglich findet. Auch wenn mir bewusst ist, dass jedes Schreiben politische Implikationen und Auswirkungen hat.

 

Ihre Berufe sind sehr unterschiedlich. Was zieht sich wie ein Faden durch Ihre Arbeit?

 

Als Bauer habe ich früh verstanden, wie man Werte schafft. Das konnte ich schon als Kind beim Wühlen nach Kartoffeln in der Erde mit Händen greifen. Aber als Banklehrling erschien es mir wie ein Wunder, wie die Bank aus nichts, nur mit Kontenbewegungen, anscheinend Reichtum vermehrt, was aber den Untergang der Kleinbauern nur beschleunigte. Mein Impetus, gegen Benachteiligung zu kämpfen und Schwachen zu helfen, war für mich sowohl bei meinen wissenschaftlichen Untersuchungen als Soziologe (zur Kinderarbeit in Deutschland und bei der Dissertation zur Jugendarbeitslosigkeit) als auch als Berufsschullehrer und in der Lehrerausbildung bestimmend. Und schließlich verfolgt mich das Thema auch als Schriftsteller.

 

Wie kam das mit dem Übergang vom Lehrerberuf zum Schriftsteller?

 

Prosa hab ich erst spät begonnen zu schreiben – und Auslöser war eine Gewalterfahrung: Ich wurde als Lehrer in der Schule von Jugendlichen beinahe totgeschlagen. Wie konnte mir das passieren?, fragte ich mich. Ich verstand mich ja als engagierter Lehrer. Ich habe doch alles richtig gemacht, dachte ich. Ich wollte doch auch immer Jugendlichen helfen, ihren Weg zu finden. Wieso musste mich das treffen? Die Gewalterfahrung war für mich das einschneidende Erlebnis, das mich zwang, in meiner Geschichte zurückzugehen. Denn Gewalt war für mich ein bekanntes Thema, Prügel an der Schule, Prügel zuhause. Ich kenne leider auch Missbrauchserfahrungen in der Kirche damals. Und dem habe ich mich schreibend genähert.

 

Sie sind also beim Schreiben: Plötzlich fällt Ihnen was Neues ein, was da nicht rein passt. Oder Sie bemerken, dass es so nicht weiter geht? Wie gehen Sie damit um?

 

Oft stocke ich – zum Beispiel wenn ich einer Figur etwas Böses oder wirklich Gutes zutrauen will. Würde der Bauernjunge wirklich den Hof der Eltern anzünden? Ist es Wut, ist es Hass? Wird er riskieren, dass der Vater umkommt? Ist er so böse? Da sind immer eigene Anteile betroffen. Die Klärung braucht Zeit. Ein Entwicklungsroman erfordert die Entwicklung des Autors.

 

Oder Sie haben ein Loch, es geht nicht mehr weiter, gibt es das?

 

Ja, immer wieder. Wenn sich zum Beispiel Entwicklungslinien der verschiedenen Figuren kreuzen und ich mir über die Charakterentwicklung und die Auswirkungen nicht genügend im Klaren bin. Dann springe ich eben in andere Romanteile. Weiter geht es immer. Wichtig ist, dranzubleiben. Mein früherer Schreiblehrer Paul Schuster sagte: Man braucht 5 % Inspiration und 95 % Transpiration, sprich Sitzfleisch.

 

Ist man da nicht manchmal sehr einsam?

 

Einsam nicht, aber allein. Etwas frei schöpfen zu können, ist ja was Göttliches. Gott ist auch allein, aber mächtig – und das entschädigt.

 

Wer liest das werdende Buch mit – Lebensgefährte, Freunde, Kollegen... oder niemand?

 

Ich gebe Freunden und Verwandten ungern meine Manuskripte zur Lektüre. Selbst Gebildete unterscheiden oft nicht zwischen Realität und Literatur. Manche fühlen sich gemeint, fühlen sich verletzt und wollen dann den Autor lynchen – zweifellos ein Kennzeichen guter Literatur – aber das sollen sie erst tun, wenn das Buch fertig vorliegt. Ich pflege lieber den Austausch mit anderen Schriftstellern.

 

Woran arbeiten Sie gerade?

 

Im Moment schreibe ich an dem Roman DER KAPUZENJUNGE, dem 3. Teil der Roman-Trilogie. Während in MEIN HIMMEL BRENNT ein sich ungeliebt fühlender Junge um die Zuneigung seines autoritären, prügelnden Vaters kämpft, ist dieser Junge in 3. Roman selbst Vater. Und es fragt sich, ob er – mit seiner neu gewonnenen Identität – für den vernachlässigten Jungen, den er allein adoptiert, ein guter Vater wird.

 

Zum Ende: Sie waren schon in Portugal. Was waren oder sind Ihre Assoziationen zu diesem Land?

 

„Im Münsterland regnet es oder es läuten die Glocken.“ Im Gegensatz zum Münsterland mit oft bedrohlich tief hängenden dunklen Wolken berührt mich in Portugal das helle weiche Licht und die Weite des Blicks über das Meer. Auch wenn man beim Laufen schnell an Grenzen kommt. Die religiöse Enge, die Armut auf den kargen Böden und die Landflucht z. B. aus dem Alentejo (Der Held des 2. Romans DER IDEALIST ist ja ein Provinzflüchtling) sind mit dem Münsterland sehr vergleichbar.

 

*Gekürzte Fassung

 

** Quelle: https://www.facebook.com/hapimagalbufeira/posts/677997715598065

Mehr über den Schriftsteller: www.HeinrichvonderHaar.de

 

***Leisure Consultant, Hapimag Albufeira

Heinrich von der Haar Schriftsteller