11-11-01 Interview Potsdam

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Interview vom 01. Nov. 2011

für das

Freie Radio Potsdam

montags 19.00 - 02.00 Uhr

Live aus dem 11-Line-Studio.

„frrapò“ auf 90.7 MhZ und Berlin 88,4 MhZ „on Air“

 

Für das LITERATUR-KOLLEGIUM BRANDENBURG E.V. spricht Gabriele Thiere mit dem Autor Heinrich von der Haar über seinen Roman MEIN HIMMEL BRENNT

Dein Roman hat den 1. Preis in einem Romanwettbewerb bekommen. Er wurde mit Mc Courts Asche meiner Mutter und der Herbstmilch von Anna Wimschneider verglichen. Er erinnert auch an den Film „Das weiße Band“. Warum sollte man ihn lesen?

 

Der Leser kann in MEIN HIMMEL BRENNT die 50er Jahre im Münsterland hautnah miterleben. Wenn eine Sau zu viele Ferkel wirft, verhungern die Schwächsten – das erlebt der Bauernjunge Heini aus eigener Anschauung. Und er begreift: Auch für ihn ist kein Platz in der Welt seines westfälischen Dorfes, zwischen zehn Geschwistern, im Schatten von Adenauer- und Wirtschaftswunderzeit. Der Roman schildert die Nachkriegsjahre aus der hellsichtigen Perspektive dieses Kindes: das Elend der Kleinbauern und Großfamilien, die radikale Flurbereinigung, die bigotte Frömmigkeit, das Schweigen der Nazivergangenheit.

 

Das Dorf Steinhop ist ein verstörendes Idyll, dessen Geheimnisse im Unterholz liegen, im heiligen Schweigen, in Tabus und Verboten: Synagogenschutt, gefallene Jungfrauen und Unglückliche, die außerhalb der Friedhofsmauern begraben werden.

 

Du hast bisher etwa 70 Lesungen in Bibliotheken und Buchhandlungen durchgeführt. Wie war die Reaktion der Hörerinnen und Hörer?

 

Das Thema betrifft die Leute, wenn auch nicht immer positiv, da manche ihre Region schlecht gemacht sehen, aber sie gehen mit. Sie interessieren sich heute für die dunklen Seiten des Wirtschaftswunders, für das, was vor fünfzig Jahren unterging, das kleinbäuerliche, kinderreiche, plattdeutsche. Im Roman lebt das dörfliche Bauernleben sinnlich wieder auf: Der Appelhokversteck, Spökenkieker, die ländliche Arbeit, worauf der Junge stolz ist: Er knüpft einen Rosenkranz aus gesammelten Vogeleiern. Er kann Ferkeln helfen, Kühe hüten, Schweine füttern.

 

Aber die Hörer sind auch berührt vom Düsteren, dem Kinder weggeben aus kinderreichen Familien, dem Prügeln, nicht zur Realschule zu können, trotz Ackerei geht der kleine Hof unter. Trotz Fleiß und Hingabe erleidet Heini brutale Züchtigungen. Und sein Plattdeutsch und seine Hofpflichten machen ihn zu einem schlechten Schüler, der mit seinen glasklaren Gedanken allein bleibt. „Schwiech still!“ ist der Satz, den er am häufigsten zu hören bekommt – gleich, ob er Vater um Geld für die Kirmes bittet oder nach ehemaligen jüdischen Einwohnern fragt.

 

Ist es denkbar, den Roman zu einem Drehbuch + einem Film weiter zu entwickeln?

 

Ja, das Untergehen des Hofes und des Bauerndorfes hat was Dramatisches, wie der Junge zunächst mit dem Vater ums Überleben des Hofes, dann aber nach zu viel Prügel und Missbrauch um sein eigenes Entkommen kämpft und wie er aus Wut durch Zündeln den Hof und alles zerstört, was er seit jeher geliebt aber auch gehasst hat. Ein Drehbuchentwurf für MEIN HIMMEL BRENNT wurde letzte Woche für den NRW Drehbuchförderpreis Münsterland nominiert. Es gibt Aussichten.

 

Setzt dich der Erfolg des „Mein Himmel brennt“-Romans unter Druck für deine weitere Arbeit? An was arbeitest du im Moment?

 

Nun ja, die 70 Lesungen forderten viel Zeit. Aber die Gespräche geben mir auch viel. Ist es berührend, wie die Leute mitgehen. Und ich hab Unterstützung, ich danke dir, liebe Gabi Thiere stellvertretend für das Literaturkollegium Brandenburg.

 

Im Moment schreib ich am Fortsetzungsroman, der Bauernjunge Heini schafft es zu entkommen und geht mit hochfliegenden Plänen in die Großstadt Westberlin, um dort für Gerechtigkeit zu kämpfen. Dieser Roman soll nächstes Jahr unter dem Titel DER IDEALIST erscheinen.

 

Herzlichen Dank und weiterhin viel Erfolg!

 

Heinrich von der Haar Schriftsteller